Hundetraining verstehen – der RockingDogs Blog.
Gedanken, Fachwissen und neue Perspektiven rund um Hundeverhalten, Training, Beziehung und Lernen.
Für Menschen mit Hund – und für Hundetrainerinnen und Hundetrainer, die manchmal noch eine Frage weiterdenken möchten.
08/07/2026
Positives Training hat Grenzen. Ja. Aber das ist kein Freifahrtschein.
Leute, wir müssen da mal genauer hingucken. 
Es gibt so Sätze, die klingen erstmal total vernünftig.
Zum Beispiel:
„Positives Training hat Grenzen.“
Und ja. Natürlich hat positives Training Grenzen.
Alles hat Grenzen.
Methoden haben Grenzen.
Menschen haben Grenzen.
Alltag hat Grenzen.
Zeit, Kraft, Wissen, Nerven, Gesundheit, Ressourcen — alles hat Grenzen.
Auch positives Training ist kein Zauberstab, kein Glitzerregen und kein „wir streuen ein bisschen Leberwurst über ein Problem und dann löst sich das in Liebe auf“.
Schön wär’s manchmal…
Ist aber nicht so.
Aber genau deshalb müssen wir über diesen Satz sprechen.
Denn „positives Training hat Grenzen“ kann ein wichtiger, ehrlicher Satz sein.
Oder ein ziemlich gefährlicher Türöffner.
Nämlich dann, wenn daraus plötzlich wird:
„Wenn positives Training nicht reicht, darf es eben aversiv werden.”
Und da bin ich raus.
Nicht, weil ich glaube, dass im Leben mit Hunden nie Zwang entsteht.
Oder dass man alles wegklickern kann.
Und auch nicht, weil Hunde immer alles freiwillig, freudestrahlend und mit innerem Blumenkranz mitmachen.
Nein.
Sondern weil wir sauber unterscheiden müssen.
Denn nicht alles, was wir mit einem Hund tun, ist Training.
Manches ist Training.
Manches ist Management.
Manches ist Pflege.
Anderes ist medizinisch notwendig.
Manchmal geht es um Sicherheit oder Fürsorgepflicht.
Und manches dann leider auch:
Ich muss mich jetzt über das Nein meines Gegenübers hinwegsetzen, weil sonst größerer Schaden entsteht.
Das kann passieren.
Nicht nur geplant. Manchmal im Affekt. Manchmal weil ich Überfordert bin, selbst getriggert und nicht weiter weiß.
Aber dann sollten wir wenigstens ehrlich genug sein, es auch so zu nennen!
Nehmen wir das Beispiel Krallenschneiden.
Wenn ein Hund das doof findet, gruselig findet oder gelernt hat „bitte fass meine Pfoten nicht an“, dann ist das erstmal ein Trainingsthema.
Dann kann ich:
- kleinschrittig arbeiten.
- Kooperationssignale aufbauen.
- Pausen einbauen.
- Wahlmöglichkeiten geben.
- Vertrauen in diese Situation bringen.
Aber wenn Krallen schon eingewachsen sind, Schmerzen machen oder gesundheitliche Folgen drohen, dann sind wir nicht mehr nur bei:
„Der Hund möchte gerade nicht.“
Dann sind wir bei Fürsorgepflicht.
Dann kann es sein, dass ich handeln muss.
Und ja: Dann kann Zwang entstehen. Das ist Scheiße und das bleibt es auch…
…aber jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Ein Eingriff wird nicht automatisch positiv bzw gerechtfertigt und nicht anders Lösbar nur weil er notwendig ist und ich durch Zugzwang an meine eigenen Grenzen komme!
Das ist für mich der Unterschied zwischen gewaltbewusst arbeiten und sich Dinge hübschreden.
Gewaltbewusst heißt nicht:
„Bei mir passiert niemals Zwang.“
Gewaltbewusst heißt:
Ich erkenne, wann ich Macht ausübe.
Ich benenne es.
Ich begründe es.
Ich begrenze es.
Ich suche Alternativen.
Ich gebe so viel Mitbestimmung wie möglich.
Und ich reflektiere danach, wie es beim nächsten Mal fairer, kleiner und verständlicher gehen kann.
Das ist etwas völlig anderes als:
„Positives Training hat Grenzen, also muss man halt auch mal durchgreifen.“
Nein.
Muss man nicht „halt auch mal“.
Man muss erstmal denken!
Und ja, ich weiß. Das ist manchmal lästig.
Denken macht Arbeit. 😉
Vor allem, wenn man gerade gerne eine einfache Antwort hätte.
Aber genau da beginnt Fachlichkeit.
Fachlichkeit bedeutet für mich nicht nur, dass ich irgendeine Maßnahme begründen kann.
Begründen kann man vieles.Man kann Druck begründen.
Man kann Strafe begründen.
Man kann Überforderung begründen.
Man kann „der muss da jetzt durch“ begründen.
Die Frage ist nicht nur:
Kann ich erklären, warum ich etwas tue?
Sondern auch:
Was macht das mit dem Hund?
Welche Alternativen habe ich geprüft?
Ist es wirklich akut notwendig?
Oder ist es nur bequemer?
Gebe ich dem Hund irgendeine Form von Mitbestimmung?
Und übernehme ich danach Verantwortung dafür, was passiert ist?
Da müssen wir hin.
Nicht in dieses schwammige Lager-Ding.
„Die Positiven da drüben.“
„Die Aversiven da drüben.“
„Die Realisten hier in der Mitte.“
Nee.
Ich glaube, wir brauchen weniger Lagerfeuer und mehr Lupe.
Mehr Hinschauen.
Mehr Unterscheiden.
Mehr ehrliche Sprache.
Denn positives Training bedeutet nicht:
„Der Hund will nicht, also passiert nichts.“
Das wäre kein positives Training.
Das wäre Konfliktvermeidung mit Schleifchen drum.
Und Bedürfnisorientierung bedeutet auch nicht:
„Jeder Wunsch wird erfüllt.“
Ein Kind, das an der Eisdiele ein Eis möchte, hat nicht automatisch ein Bedürfnis nach Eis.
Vielleicht steckt ein Bedürfnis darunter.
Vielleicht Hitze. Hunger. Pause. Verbindung. Regulation.
Vielleicht ist es aber auch einfach ein Wunsch.
Und Wünsche sind wichtig.
Aber Wünsche sind nicht automatisch Bedürfnisse.
Bedürfnisorientierung heißt nicht:
„Hier, bitte, einmal alles nach deinem Willen und alles, was noch dazu gehört wird ausgeblendet”
Bedürfnisorientierung heißt:
Ich schaue, was darunter liegt.
Ich nehme dich ernst.
Ich begleite deinen Frust.
Ich zeige meine Grenzen, wenn sie nötig sind weil es meine Grenzen sind am die ich komme.
Aber ich mache dich auch nicht klein, nur weil du gerade etwas nicht bekommst und ich es nicht aushalten kann.
Und genauso ist es mit Hunden.
Wenn ein Hund etwas nicht möchte, ist das eine wichtige Information.
Aber es heißt nicht automatisch, dass nie etwas passieren darf.
Es heißt:
Warum möchte er nicht?
Was braucht er, um mitmachen zu können?
Was ist wirklich notwendig?
Wo kann ich Wahl geben?
Wo muss ich Verantwortung übernehmen?
Und wie verhindere ich, dass aus einem notwendigen Eingriff ein Muster wird?
Das Problem ist nicht positives Training!
Das Problem ist, wenn positives Training mit Nichtstun verwechselt wird.
Das Problem ist, wenn Bedürfnisorientierung mit Wunscherfüllung verwechselt wird.
Das Problem ist, wenn Kooperation so verstanden wird, als müsste der Hund immer alles entscheiden.
Und das Problem ist auch, wenn diese Missverständnisse dann benutzt werden, um zu sagen:
„Seht ihr? Geht halt nicht ohne Druck.“
Doch.
Oft geht sehr viel mehr ohne Druck, als wir glauben.
Aber manchmal geht es nicht ganz ohne Eingriff.
Dann ist der Eingriff zwar nicht plötzlich positiv.
ABer zum Beispiel notwendig.
Oder fachlich begründet.
Und genau deshalb muss er überprüft werden.
Nicht schöngeredet - Nicht zur Methode gemacht - Nicht als Freifahrtschein benutzt.
Sondern angeschaut.
Unter der Lupe.
Denn genau an diesen Stellen zeigt sich für mich Haltung.
Nicht da, wo alles leicht ist.
Nicht an der Stelle wo Hund oder Kind eh schon freiwillig mitmacht.
Und auch nicht da, wo Training hübsch aussieht und alle „ooooh“ sagen.
Sondern da, wo es unbequem wird.
Wo Fürsorge und Zwang nah beieinander liegen.
Wo Gesundheit wichtiger wird als Zustimmung.
Wo ein Nein ernst genommen wird, aber nicht immer das letzte Wort haben kann.
Wo ich Macht habe — und mich entscheiden muss, wie bewusst ich mit dieser Macht umgehe und sie deshalb eben nicht Missbrauche.
Und deshalb:
Positives Training hat Grenzen. Ja.
Und die haben meistens mehr mit unseren eigenen Grenzen zu tun als uns lieb ist.
Aber: das ist kein Freifahrtschein.
Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Und weil ich es wichtig finde,gibt es zu diesem Thema auch eine Podcastfolge — in meiner Reihe „Unter der Lupe“.
Da schauen wir noch tiefer drauf:
Was ist an diesem Satz dran?
Wo wird er gefährlich verkürzt?
Was ist Training — und was ist notwendiges Handling?
Wann wird Fürsorge zu Zwang?
Und warum ist „gewaltbewusst“ für mich ehrlicher als ein romantisiertes „gewaltfrei“, bei dem am Ende niemand mehr zugibt, wann gerade Macht ausgeübt wird.
Also: Hör mal … wir müssen reden.
Und diesmal wirklich unter der Lupe.
Nina Werner
Beziehungskompass Mensch & Hund
Hundeschule RockingDogs
Nina - 18:27 @ Für Hundemenschen | Kommentar hinzufügen
Weitere Artikel findet auf dem Blog der Initiative "Trainieren statt Dominieren" sowie auf dem Blog "Feine Maus" Artikel von mir finden.
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